Jung, unerfahren, Prophet

Gedanken zum Tag, 3.12.2025

Was braucht es als Prophet? Warum gerade Jeremia - oder warum gerade ich, heute, Christ? 

 
Das Wort des Herrn erging an mich:
Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen,
noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.
Da sagte ich:
Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden,
ich bin ja noch so jung.
Aber der Herr erwiderte mir:
Sag nicht: Ich bin noch so jung.
Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen,
und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden.
Jeremia 1,4-7
 
 
 
Wortgewaltige und sprachgewitzte Reden verbreiten sich in Windeseile im Netz. Das Schnipsel aus der Bundestagsrede, der Poetry-Slam mit Tiefgang, manchmal sogar Spitzensätze aus Predigten, mit Leidenschaft und Brillanz vollmundig vorgetragen. Müssen so Propheten sein? Geschulte TED-Talker und mitreißende Rednerinnen?

Propheten sehen tiefer und denken weiter. Sie sagen unerschrocken und deutlich, was zu sagen ist. Aber es gibt nicht das Einheitsprofil des Propheten. Es gibt auch die anderen: die, die eigentlich gar nicht reden können. Oder es jedenfalls meinen. Die, die sich nicht durch die Instanzen gearbeitet haben, die nicht über jahrzehntelange Erfahrung verfügen. Die jung sind an Erfahrung, an Lebensjahren, an Ideen.

Jeremia war so einer. Er kann es kaum glauben, dass er zum Propheten berufen sein soll. Einer, mit dem Gott Großes vorhat, noch bevor er geboren wird.
Jeremia ist vor allem gut beim Formulieren von Einwänden, warum er ganz sicher nicht der Richtige ist. Ich kann nicht reden. Ich bin noch so jung. Ich sehe nicht schön genug aus. Ich weiß doch noch gar nicht genug. Auf mich hört ohnehin niemand.
Ich stelle mir vor, wie Gott wissend schmunzelt und in Gedanken die Reihe der Einwände fortsetzt. Und gerade deswegen überhaupt nicht darauf eingeht:
Du sollst gehen, wohin ich dich sende.
Du hast einen Auftrag in dieser Welt.
Du kannst etwas ausrichten.
Dein Ringen um Worte öffnet den Raum für das Ringen der anderen um Gewissheit.
Dein jugendlicher Blick lässt anderes sehen als das Gewohnte.

Gottes Propheten sind keine geschliffenen Helden im Businesskostüm, sondern verletzliche Menschen.
Auf dem Marktplatz, in Büros und Klassenzimmern, in Kirchen und sogar in einem Stall.
 
Dr. Heike Springhart
Evangelische Landeskirche in Baden
Beitrag aus dem Jahr 2017