Gegenbild

Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten,
wurde er sehr zornig und er sandte aus
und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung
alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten,
genau der Zeit entsprechend,
die er von den Sterndeutern erfahren hatte.
Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist:
Ein Geschrei war in Rama zu hören, /
lautes Weinen und Klagen: /
Rahel weinte um ihre Kinder /
und wollte sich nicht trösten lassen, /
denn sie waren nicht mehr.
Matthäus 2,16-18
 
 

Vor vielen Jahren habe ich mir die Gemäldegalerie in den Uffizien in Florenz angeschaut. Sehr bald bin ich mit völlig übersättigten Sehnerven durch die Räume gestolpert. Bis ich durch die halbgeöffneten Augenlider ein Bild gesehen habe, dass mich in eine Art Schockzustand versetzt hat. Ich habe keinen zweiten Blick darauf geworfen, und ich weiß bis heute nicht einmal den Namen des Künstlers. Aber die schrecklichen Szenen auf dem Bild bin ich nicht mehr losgeworden: Unzählige tote, ermordete Kinder, aufgeschlitzte Frauenbäuche, verzweifelte Mütter. Eine blutberauschte Darstellung des sogenannten Kindermords zu Bethlehem wie sie im Matthäusevangelium erzählt wird. Eine Legende über einen machthungrigen Despoten?
 
Meine Erinnerungen an das Bild in Florenz sind inzwischen überlagert von anderen Bildern:  Ertrinkende Kinder im Mittelmeer, hungernde Kinder im Jemen, entführte Kinder in Nigeria, getötete Kinder in Syrien, verkaufte Kindern in China, vertriebene Kinder in Myanmar …
Unsere politische Weltlage heute kennt viele Herrscher, die wie Herodes keine Skrupel kennen, wenn es um ihren Machterhalt geht.
 
Der Evangelist Matthäus rahmt die grausige Szene mit Zitaten aus alten jüdischen Schriften. Ein Wort aus dem Buch Hosea (Lk 2,14) verweist zuerst nach Ägypten, wo das Kind in Sicherheit ist und von wo Gott es wieder nach Israel rufen wird. Am Ende zitiert er aus dem Buch Jesaja; der Schmerz um die Toten bekommt seinen Platz.
 
Geübte Hörerinnen und Hörer seiner Zeit haben sicher mitgehört, was Matthäus nicht mehr aufgeschrieben hat. Bei Hosea spricht Gott, der eigentlich enttäuscht von seinem Volk ist: „Mein Herz kehrt sich um in mir, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken. Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte, doch nicht ein Vertilger.“ Dieser Gott wird in dem Sohn aus Ägypten nach Israel kommen. Dieser Gott lässt sich gebären. Gott wählt das Leben, nicht den Tod.
 
Für mich ist deshalb mit diesem Kind die Hoffnung geboren. Für alle Zukunft. Mit diesem Kind ist jeder Neubeginn, jedes Leben heilig. Weil Gottes Erbarmen so viel tiefer und weitreichender ist als alle menschliche Wut und Bosheit.
 
Ich werde auch in Zukunft immer wieder erleben müssen, dass der Kindermord zu Bethlehem von unserer Gegenwart übertroffen wird. Aber ich habe in der Krippe ein Gegenbild, das stärker ist. Von dort aus prägt es sich meinem Herzen hoffentlich unauslöschlich ein. Auf dass wir verwandeln: Rache in Erbarmen, Angst in Empfänglichkeit und blinde Wut in verzeihende Liebe.
 

Ute Niethammer

Pfarrerin, Evangelische Landeskirche in Baden

Pfarrerin, Evangelische Landeskirche in Baden
 
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