Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher.
Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet
und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt;
nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren.
Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott
Tag und Nacht mit Fasten und Beten.
Zu derselben Stunde trat sie hinzu,
pries Gott und sprach über das Kind zu allen,
die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
Lukas 2, 36-38
Hanna, dachte ich, ja, das ist eine faszinierende Person, da sie für mich ein Vorbild ist, die ihr Leben in einer persönlichen Freiheit trotz gesellschaftlicher Konventionen lebt. Doch jetzt, jetzt wo es daran geht, sich mit ihr zu beschäftigen, da bleibt das Blatt leer. Ich kann mich ihr nicht annähern und ich merke, ich als Mann habe Hemmungen über eine Frau zu schreiben, heute, hier und jetzt. Ich spüre einen Stachel der Unsicherheit: Jeder Satz könnte ja irgendwie falsch ausgelegt werden.
Was also jetzt? Abgabeschluss ist schon vorbei, die Redaktion wartet. Und immer noch diese Hanna, die mich in ihrer Rolle schon anspricht, die mir aber auch immer schwieriger wird, je länger ich sie betrachte.
Auch wenn Lukas nicht viel von ihr erzählt: es gäbe viel über sie zu sagen. Die Zahlen und Namen sind ein ganzes Buch an „Meta-Botschaften“. Ihre Art, diese Unaufgeregtheit nach dem so einprägsamen Joachim, ihre Präsenz, die ich nahezu körperlich spüre, noch heute, jetzt wo ich diese Bibelstelle lese.
Aber ich merke: Es bleibt dabei. Ich kann nicht über eine Frau schreiben. Zu viel Unsicherheiten sind da, was falsch zu machen. Sorge über etwas zu reden, es niederzuschreiben, das anderen nicht gefallen könnte.
Hanna würde mich sicherlich auslachen. Sie scheint diese Sorgen nicht zu haben. Sie, trotz der Zuschreibungen von Lukas, sicherlich keine Betschwester, sondern eine Frau, die selbstbestimmt ihr Leben in dem einzigen wirklichen freien Raum der damaligen Zeit lebte, dem Tempel, hat kein Problem davon zu reden, was sie umtreibt.
Für Hanna ist ein Gotteslob für das große Ereignis, für die Geburt eines Kindes, für den Wandel in der Heilsgeschichte selbstverständlich. Und genauso selbstverständlich ist für sie, dabei nicht stehen zu bleiben, sondern nach dem Gespräch hin zu Gott, das Gespräch hin zu den Menschen zu suchen.
In ihrer Umgebung ist der Tempel nicht nur ein Ort des Gotteslobs, sondern wirklich der Ort der Theologie, des Gesprächs über Gott.
Und eventuell ist es das, was ich an dieser Stelle über Hannah mitnehmen kann, hinein in die in wenigen Tagen anbrechende Weihnachtszeit: nicht an der süßen Krippe hängen zu bleiben, mich in der Liturgie zu vergessen, sondern nach dem Lobpreis aufzustehen, mich an Tische zu setzen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Still und klar darüber zu sprechen, was mein Herz erfüllt.
Eventuell ist das der Weg sich als Christenmenschen einzuordnen in die Heilsgeschichte? Große Worte: Heilsgeschichte, aber ich soll es ja persönlich nehmen. So wie Hanna.
Björn Siller
Referent für Pastoral im Internet sowie für die Klinik und Kurseelsorge, Erzbistum Freiburg