Armut und Reichtum

Advent-Online zum 2. Januar 2025

Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus:
Obwohl er reich ist, wurde er doch arm
um euretwillen,
auf dass ihr durch seine Armut reich würdet.
2. Korintherbrief 8,9
 
Was ist Reichtum in dieser Welt. Ist es der Lotto-Jackpot-Gewinn von 120 Millionen Euro, oder das sichere Familienerbe, von Generation zu Generation weitergereicht, oder ist sind es die hart erarbeiten Euro und Cents, für die wir geschuftet haben?
Was ist Armut? Kein Geld für Essen und Trinken, keine Bleibe und kein Dach über dem Kopf, kein Zugang zu Hygiene, zu Kultur und medizinischer Versorgung?
 
Ich erinnere mich an Craig. Er saß, Tag für Tag, vor dem Supermarkt auf Weg zwischen meinem Arbeitsplatz und meiner Wohnung. Craig war mittellos. Das wenige Geld in seiner Tasche stammte von den Münzen, die ihm die Menschen in die Hand drückten.
Doch er empfand sich nicht notwendigerweise als arm. Ihm durfte kein Mensch etwas geben, der sich nicht auch mit ihm unterhielt. Bei ihm konnte sich keine Person das Gewissen im Vorübergehen erleichtern mit einem geschickten Wurf einiger Münzen in einen Hut oder ein anderes Gefäß. Caig wollte Konversation. Er sprach ein exzellentes Englisch mit breitem schottischem Akzent, sein Deutsch und Französisch hatten kaum einen Makel. Er wusste um die aktuellen politischen Themen und konnte mit guten Argumenten überzeugen. Nein arm war er nicht, halt mittellos.
 
Jesus war reich und doch arm, oder auch umgekehrt. Jesus Reichtum lag nicht in den materiellen Dingen dieser Welt. Seine Armut hatte auch nicht wirklich mit Geld zu tun.
 
Wir stellen uns den Himmel als einen reichen Ort vor. Dort haben wir alles was wir brauchen, ohne Sorgen und Anstrengungen. Diesen Ort zu verlassen heißt arm zu werden. Nun brauchen wir Geld und müssen uns dafür anstrengen. Macht spielt auch eine Rolle in unserer Vorstellung von Reichtum. Gott ist mächtig. Jesus wurde Mensch. Wir meinen er gab seine Macht ab. Eine Macht, die wir möglicherweise mit Schwertern und Finanzen in Verbindung bringen. Diesen Reichtum hatte das Kind in der Krippe nicht. Gold, Weihrauch und Myrrhe wurden ihm später gebracht: Geld für die Flucht und das Überleben in der Fremde, Weihrauch als Heilmittel und Myrrhe als Zeichen seiner Auserwählung.
 
Als Kind in der Krippe hatte Jesus keine göttliche Kraft mehr – so meinen wir – und doch beeindruckte das Jesuskind alle, die zu ihm kamen: Seine Eltern, die Hirten, vermutlich noch andere Besucher:innen und die Weisen aus dem Morgenland, die Heiligen Drei Könige.
 
Jesu große Armut war sein und unser Reichtum: Die Liebe.
 
Ein Beitrag von Dirk Grützmacher, Pfarrer in der Verbundkirchengemeinde Obersulm See in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, für Advent-Online, dem ökumenischen Adventsangebot der evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg.