Mein finsteres Tal

Advent-Online 2. Adventssonntag 2024

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“
Psalm 23,4
 
Als ob! Nein, leider tröstet mich im finstern Tal kein Stecken und Stab. Mein finsteres Tal ist der Zweifel, die Gottesferne, die Zeit, in der Gottes Gegenwart so gar nicht spürbar für mich ist.
Der stille Kirchenraum, der mich sonst zur Ruhe kommen lässt, wirkt jetzt kalt und dunkel, abweisend und fremd.
Der Gottesdienst, der mir sonst eine Auszeit schafft und Gemeinschaft stiftet, erscheint mir plötzlich schal und kitschig, abgedroschen und aufgesetzt.
Das Gebet, das mich sonst in meine Mitte und in die Gegenwart Gottes bringt, will mir heute nicht gelingen; immer wieder schweifen die Gedanken ab.
Das ist meine dunkle Zeit – ohne Stecken und Stab, ohne Trost. Der Herr mag bei mir sein, doch ich kann ihn nicht spüren.
In dieser Zeit gilt es durchzuhalten. Mich rettet das Wissen um andere, bessere Zeiten, die Erinnerung an jene großartigen, geisterfüllten Augenblicke der inneren Gewissheit.
 
Es gibt sie ja auch, die Momente, in denen ich spüre, dass Gott da ist. Das fühlt sich gut an, ganz so, als ob Gott mich liebevoll anlächelt.
Diese Momente tragen mich jeden Tag, auch und gerade im dunklen Tal der Gottesferne.
In aller Dunkelheit und Mutlosigkeit ist dann plötzlich jemand da – ein Lächeln, eine Umarmung, eine Ermutigung, eine Wertschätzung – und ganz unerwartet geht der Himmel auf. Es wird hell – zuerst ist es nur ein kleiner Lichtstrahl, das Licht ist nicht mehr unterzukriegen. Das Licht bleibt nicht bei sich. Hoffnung und Zuversicht breiten sich aus, meist nicht so schnell, wie ich es mir wünsche.
 
Keine Dunkelheit dauert ewig – darauf vertraue ich.
Ob das nicht vielleicht doch Gottes Stecken und Stab sind?
 
 
Ein Beitrag von Andrea Ludwig, Gemeindereferentin in der Erzdiözese Freiburg, für Advent-Online, dem ökumenischen Adventsangebot der evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg.