
Lukas 18,10-14
Mich fasziniert diese Geschichte jedes Mal aufs Neue. Ich finde es spannend, wie in mir der moralische Zeigefinger hochschießt und der Impuls aufkommt zu denken: Dieser Pharisäer! Wie kann der nur? Merkt der denn gar nicht, dass er im Unrecht ist? Wie kann man nur so arrogant und aufgeblasen sein? Aber in dem Moment, in dem ich das denke, bin ich dem Pharisäer wie aus dem Gesicht geschnitten. Indem ich solches denke, mache ich genau dasselbe wie er in seinem Gebet: Ich stelle mich über ihn, schaue auf ihn herab, schüttle über sein Verhalten den Kopf und habe die anmaßende Haltung, es besser zu wissen.
Und dann fallen mir Situationen ein, die mich in meinem Hochmut straucheln lassen. Situationen, in denen ich genauso gehandelt habe wie er. Mir fällt ein, dass ich andere Menschen immer wieder nach ihrem Aussehen bewertet habe. Dass ich vorschnell darin war, jemanden zu verurteilen, ohne dass ich die Umstände, geschweige denn die Gefühle und Gedanken dieses Menschen kannte. Mir fällt ein, dass ich mich selbst manchmal ziemlich toll finde. Und dass ich darüber manchmal vergesse, dass meine Talente und die vielen Chancen, die sich in meinem Leben immer wieder auftun, nicht von mir herkommen, sondern mir von Gott gegeben sind.
Wenn ich mir das vor Augen führe, werde ich geerdeter. Demütiger. Dankbarer. Und freundlicher. Zu mir und zu anderen. Dann fällt mir wieder ein: Anna, du musst dich und andere nicht nach der erbrachten Leistung bewerten! Du musst nicht immer gut dastehen und alles richtig machen. Vor Gott kannst du so sein, wie du bist. Er nimmt dich an! Du musst einfach immer wieder zu dir selbst kommen und vor Gott treten mit der Bitte: Gott, sei mir Sünderin gnädig!

