Verwundet

Impuls für den 9.12.2015

Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
Lk 2,34-35

Ich erinnere mich noch gut an meinen Besuch einer kleinen mexikanischen Basisgemeinde vor etlichen Jahren. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand die Meditation dieses kleinen Abschnitts aus dem Lukas-Evangelium.

Ein Campesino erzählte folgende Geschichte: „Wenn ein Mensch eine gesunde Hand in eine Schale mit Salzwasser legt, passiert nichts. Wenn die Hand jedoch verwundet ist, oh weh, dann tut es richtig weh!“ Und er führte aus: „Jesus hat die Wunden der Menschen seiner Zeit offenbar gemacht: die Ausgrenzung der Sünder, der Kinder, der kleinen Leute, der Armen und Entrechteten. Und er hat diese Wunden geheilt, auch wenn das vielen Menschen nicht gefallen hat. So ist er zum Zeichen des Anstoßes geworden für viele Menschen.“

Diese Geschichte begleitet und inspiriert mich als Betriebsseelsorger in meiner täglichen Arbeit. In den Begegnungen mit Menschen mit und ohne Arbeit erfahre ich viel von den Wunden der Menschen und unserer Gesellschaft heute. Sie erzählen mir von Arbeitslosigkeit, wachsendem Druck, Angst um eine auskömmliche Arbeit. Das treibt Menschen heute um, verunsichert, macht krank. Wunden unserer Zeit.

Mich könnte Resignation und Lähmung packen angesichts so vieler individueller Nöte und Schicksale – meine Kräfte sind bescheiden.
Aber mich ermutigt die Einladung eines anderen Lateinamerikaners, Papst Franziskus, der in Treue zur Frohen Botschaft Jesu einlädt, „Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen.“

Eine ermutigende Einladung für einen adventlichen Weg heute auf Weihnachten hin. Nicht müde werden hinzuhören, auf Augenhöhe zu begleiten, gemeinsam nach Wegen aus der Misere zu suchen und die Ungerechtigkeiten unserer Tage beim Namen zu nennen. Selbst wenn ich dabei Widerspruch ernte.

Autor / Autorin
Wolfgang Herrmann

Pfarrer, Fachbereich Kirche und Arbeitswelt - Betriebsseelsorge, Diözese Rottenburg-Stuttgart

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