Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen

Vom Eindruck, bei einem Ereignis selbst dabei gewesen zu sein, erzählt Ute Niethammer; sie ist die Landeskirchliche Beauftragte für die Prädikantenarbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg.

 
Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren,
sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen,
um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat!
Lukasevangelium 2,15
 
 
Was für eine Sensation: Wie damals vor über 30 Jahren die ersten Trabis über den Grenzübergang Bornholmerstraße fuhren, nach West-Berlin! In den folgenden Tagen sind viele meiner Bekannten nach Berlin gefahren, um selbst zu sehen, was da passierte. Zu dumm, dass ich damals nicht mitgefahren bin. Denn bis heute erzählen sie mir mit leuchtenden Augen von ihren Erlebnissen – spontane Bekanntschaften, Parties, Verbrüderungen. Und wenn in den Medien mal wieder allzu große Gräben zwischen den beiden Teilen des einstmals geteilten Landes festgestellt werden, dann setzen sie ihre Erinnerung dagegen. Und spüren für einen Moment wieder die Euphorie jener Tage. Und sie halten fest daran: die Gräben sind vor allem in den Köpfen. Wir haben erlebt, welche Kraft der Mauerfall freigesetzt hat. Eine positive Kraft. Eine Begeisterung, die Mauern zu Fall brachte!
Wenn ich sie so reden höre, springt der Funke über und ich meine dann, ich sei selbst dabei gewesen …
 
Ich stelle mir vor, dass die Hirten ganz ähnliche Gründe hatten, um loszugehen und das Kind zu suchen. Was die Engel ihnen anvertraut hatten, das wollten sie möglichst sofort mit eigenen Augen sehen und erleben. Das Zeichen sehen. Die Freude spüren. Zeugen eines einmaligen Erlebnisses werden.
In meiner Vorstellung haben sie danach ihr ganzes Leben lang davon gezehrt. Gerade dann, wenn ihr Leben wieder einmal besonders schwierig war. Gerade dann, wenn die politischen Verhältnisse besonders bedrückend waren. Gerade dann haben sie sich gegenseitig daran erinnert: Wir haben das Kind gesehen. Das Kind, mit dem sich die Welt verändern wird. Wir haben erlebt, dass Gott mitten in der Welt ist. Wir haben es gesehen!
 
Wenn ich Kinder die Weihnachtsgeschichte spielen sehe, wenn ich die besonderen Lieder dieser Zeit singe und höre, bin ich manchmal ebenfalls für Momente mit dabei. Um das Ereignis zu sehen. Und um es selbst zu erleben: Gott ist mitten in der Welt.
 
 
Pfrn. Dr. Ute Niethammer, Freiburg, Landeskirchliche Beauftragte für die Prädikantenarbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg
Evangelische Landeskirche in Baden