In dieser Gegend
Was eine „Gegend“ zu etwas Besonderem macht, dem geht Pfarrer Thomas Weiß nach; er leitet den Bereich Evangelische Erwachsenenbildung und Geschlechterdialog in der Evangelischen Landeskirche in Baden.
In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld
und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
Lukasevangelium 2,8
Die Gegend, aus der ich komme (und die ich drum ganz gut kenne), die ist – naja – ein bisschen austauschbar. So wie um Rastatt herum sieht es anderswo in der Oberrheinebene auch aus: Ein paar Hügel hier und da, dahinter Berge, die gerade noch so genannt werden können, viel Wald und Feld, Städte und Dörfer, die Autobahn und die B3. So sieht es vielleicht auch im Thüringen aus, in Hessen irgendwo und in Norddeutschland (wenn ich den Schwarzwald, die Vogesen und den Rhein mal kurz wegdenke) – nichts Spektakuläres jedenfalls.
Das mag „diese Gegend“, in der zur Weihnacht die Hirten ihre Herden hüteten, auch nicht gewesen sein: etwas Besonderes. Eine Gegend halt. Wie es hunderte andere gibt. „In dieser Gegend“ finden sich keine besonders anmutigen Auen, keine wunderhübschen Hügelketten, keine pittoresken Seen, hoch aufragende Berge – so dass es für weihnachtliche Engelscharen ein besonderes Vergnügen sein müsste, „herzuzutreten“ und zu verkünden, was es eben zu verkünden gibt. Nichts dergleichen – jedenfalls beschreibt Lukas nichts davon.
Und doch ist es nicht irgendeine Gegend, in die sich Gott hineinbegibt, um als Mensch geboren zu werden. Nein, denn „diese Gegend“ ist: Menschengegend. Sie ist der Ort, da Hirten arbeiten, da sie ihr Dasein fristen, die Landschaft, in der sie zuhause sind; eine raue Gegend mag es gewesen sein, karges Land, heiß und schattenlos am Tage, bitterkalt in der Nacht. Hätte Gott es sich nicht etwas gemütlicher machen können? Nein. Denn wo Menschen zuhause sind, will er zuhause sein.
Das macht „diese Gegend“ dann aber doch zur besonderen. Wir Menschen haben unsere je eigenen Gegenden: in denen wir unsere Geschichten erleben, in denen wir unsere Wunden und unser Glück erfahren, in denen wir uns auskennen – oder auch nicht, wenn Menschen auf der Flucht sind, weil ihre Gegend unwirtlich geworden ist. Sicher ist: Seit Gott „in dieser Gegend“ damals angekommen ist, ist keine Menschengegend mehr gottlos. Und die Botschaft der Engel gilt auch hier.
(Sogar in der Gegend um Rastatt …)
Pfarrer Thomas Weiß,
Leiter Evangelische Erwachsenenbildung und Geschlechterdialog
Evangelische Landeskirche in Baden
