Der eigentliche Schatz

„Seinen Kinder verzeiht man irgendwie alles.“ Beim Lesen des Schrifttextes kommt mir dieses Wort meiner Mutter in den Sinn. Denn die Rede von der Enttäuschung mitten im Prophetenwort lässt aufhorchen. „Sie sind doch mein Volk...“

Die Huld des Herrn will ich preisen,

die ruhmreichen Taten des Herrn,
alles, was der Herr für uns tat,
seine große Güte,
die er dem Haus Israel erwies
in seiner Barmherzigkeit und seiner großen Huld.
Er sagte: Sie sind doch mein Volk,
meine Söhne, die nicht enttäuschen.
Er wurde ihr Retter in jeder Not.
Nicht ein Bote oder ein Engel,
sondern sein Angesicht hat sie gerettet.
In seiner Liebe und seinem Mitleid
hat er selbst sie erlöst.
Er hat sie emporgehoben und sie getragen
in all den Tagen der Vorzeit.
Jesaja 63, 7-9
 
„Seinen Kinder verzeiht man irgendwie alles.“
 
Beim Lesen des Schrifttextes kommt mir dieses Wort meiner Mutter in den Sinn. Denn die Rede von der Enttäuschung mitten im Prophetenwort lässt aufhorchen. „Sie sind doch mein Volk...“ Es scheint, als wäre dieser Ehrentitel ein unverdientes Geschenk. Gott hat sie zu seinem Volk gemacht. Das Volk geht aus der Huld und Güte Gottes hervor. Es hat sich nicht selbst gemacht oder erklärt, sondern ist entstanden aus den Taten Gottes heraus.
 
Und diese Taten aus Barmherzigkeit heraus sind zugleich die kostbare Erinnerung des Volkes, sein eigentlicher Schatz. Gott ist nicht einfach da, er ist da für seine Kinder, für sein Volk, für uns. So sind die kostbaren Erinnerungen nicht einfach die Geschichten alter Zeiten, aufbewahrt in der Schrift; es sind zugleich die Erinnerungen an gute Tage, Trost in der Verzweiflung, Licht im Dunkel. Die Geschichte des Volkes Gottes ist durchzogen von den Stunden der Großtaten Gottes.
 
Was sich in solcher Weise für das Volk Gottes sagen lässt, gilt letztlich auch für jedes Glied dieses Volkes, für jedes der Kinder Gottes. Denn keiner hat sich selbst gemacht, jeder ist geworden, jedes Leben ist ein Geschenk der Liebe Gottes. Und egal wie Menschenleben auch gehen, sie sind durchzogen von den Großtaten der Barmherzigkeit Gottes. Helle Augenblicke, die in dunklen Stunden ein Stück Trost sind und mein Leben in der Gegenwart Gottes leuchten lassen.
 
Das ist das Göttliche in jenem Satz meiner Mutter: „Seinen Kinder verzeiht man irgendwie alles, weil sie ein Teil von Dir selbst sind.“ Es ist die Barmherzigkeit Gottes, die uns Leben schenkt und zu seinen Kindern macht. Unsere Erinnerungen sind ein kostbares Unterpfand dafür.
Autor / Autorin
Dr. Thomas Dietrich

Pfarrer, Leiter der Abteilung Sozialpastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt, Erzdiözese Freiburg

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