Gott hofft

Impuls für den 9.12.2016

Gott hoffte auf Rechtsspruch –
doch siehe da: Rechtsbruch,
und auf Gerechtigkeit –
doch siehe da: Der Rechtlose schreit.
Weh euch, die ihr Haus an Haus reiht
und Feld an Feld fügt,
bis kein Platz mehr da ist
und ihr allein im Land ansässig seid.
Meine Ohren hören das Wort des Herrn der Heere:
Wahrhaftig, alle eure Häuser sollen veröden.
So groß und schön sie auch sind:
Sie sollen unbewohnt sein.
Jesaja 5, 7b-9
 
Quelle: Pixabay
 

Überraschend: „Gott hofft auf Rechtsspruch … und auf Gerechtigkeit“. Ist es normalerweise nicht der Mensch, der auf die Gerechtigkeit Gottes hofft? Hier hofft Gott. Seine Hoffnung gilt der Verantwortung, die er Israel für die Armen und Rechtlosen im Land übertragen hat. Sein Volk jedoch sorgt sich lieber um den eigenen Wohlstand und häuft Eigentum an, ohne die Armen im Land zu beteiligen. Mit dem Weheruf wird deutlich: Gott steht an der Seite der Armen und hat den Menschen Verantwortung übertragen für die Gestaltung einer gerechten Gesellschaft.

Armut ist ein strukturelles, ein gesellschaftliches Problem. Darauf verweist Jesaja, wenn er von den Häusern und Feldern spricht, die das Land bedecken. Es geht ihm um die soziale Struktur und um soziale Gerechtigkeit für die Rechtlosen. Wenn die Häuser und Felder gebaut werden „bis kein Platz mehr da ist“, dann nehmen diejenigen, die haben, denjenigen, die nichts haben, die Möglichkeit zu leben. Armut hat nichts mit individueller Schuld zu tun. Niemand ist allein selbst dafür verantwortlich, in Armut zu geraten und ihr zu entrinnen. Viele soziale Faktoren wie Eigentum, Teilhabe oder Netzwerke spielen bei Armut eine wesentliche Rolle.

Somit bedeutet Armut heutenicht nur, wenig Geld zu haben. Es geht vielmehr um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und um Chancengerechtigkeit. Besonders Kinder trifft Armut hart, da sie durch die fehlenden Chancen zur Teilhabe ihrer Zukunft beraubt werden. Es ist ein Skandal, dass selbst im reichen Baden-Württemberg rund 325.000 Kinder als armutsgefährdet gelten. Jedem sechstem Kind bleibt die Teilnahme am öffentlichen Leben verwehrt.

Gott hofft auf Gerechtigkeit.

 

Autor / Autorin
Oliver Merkelbach

Diözesancaritasdirektor, Diözese Rottenburg-Stuttgart

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