Nicht so fern …

Impuls für den 07.12.2019

Der Theologe, Journalist und Schriftsteller Jochen Klepper schrieb 1938 das Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“. Verfolgt durch das Nazi-Regime findet er trotzdem Worte für Trost und Hoffnung.

Die Nacht ist vorgedrungen
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Adventslied

Quelle: unsplash.com/@thestoryofian

Unter anderen Umständen … hätte Jochen Klepper dieses Gedicht vielleicht nie geschrieben.

Unter anderen Umständen … könnten wir uns vielleicht noch über das ‚Spätwerk‘ von Jochen Klepper austauschen.

Unter anderen Umständen … würden wir uns in diesem Advent nicht wieder darüber Gedanken machen, wie gefährlich es ist, als Jude oder Jüdin in Deutschland zu leben.

Unter anderen Umständen … vielleicht. Aber sie sind wie sie sind. Es sind eben keine ‚anderen Umstände‘. Heute nicht - und 1937 auch nicht, als Jochen Klepper dieses Gedicht geschrieben hat. Da hat er die Dunkelheit schon gesehen und am eigenen Leib gespürt. Beklemmend und bedrückend. Seine Frau Johanna war Jüdin. Er weigerte sich, ihre ‚Mischehe‘ scheiden zu lassen. Die Deportation stand unmittelbar bevor und er sah keinen Ausweg. Deshalb hat er sich zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 das Leben genommen.

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern“. Im Advent kommen mir da gleich Bilder in den Sinn: Der Stall. Muffig und dunkel. Ich rieche die abgestandene Luft. Verbraucht. Mit einer Duftmischung aus Heu und Mist. Und genau in diesem Stall: das Weinen eines neugeborenen Kindes. Für Klepper ein Bild seiner Tage.

Dunkelheit: Ja. Gottverlassenheit: Nein. Im Gegenteil! Denn: „Der Tag ist nicht mehr fern.“ Gott ist da. In der Dunkelheit. In der Gefahr. In der Ausweglosigkeit. In der Einsamkeit.

Mich beeindruckt dieser Glaube und dieses Vertrauen. Klepper wusste, dass ein neuer Tag kommen wird. Dass alles anders werden wird. Er wusste aber auch, dass es noch dauern wird.

Es gibt sie: die „Angst und Pein“ – für Klepper sehr konkret. Aber: Egal, was das Leben bringt; egal, wie sich mein Leben oder unsere Gesellschaft entwickelt: Gott will mit dabei sein. Das bringt ein bisschen Licht, in manch ausweglose Situation. Ein Morgenstern auf meinem Weg.

Samstagsgebet

Hier sind wir, Gott,
mitten im Trubel des Alltags
und der Vorweihnachtszeit.
Morgen ist der 2. Advent!
Advent – das heißt Ankunft.
Du selbst kommst zu uns.
In unseren Trubel.
In unsere Welt, die manchmal dunkel ist.
Und kalt.

Wir bereiten uns vor:
Wir zünden eine Kerze nach der anderen an.
Wir öffnen die Türchen an unserem Adventskalender.
Mit jeder Kerze wird es ein bisschen heller.
Mit jedem Türchen, das wir öffnen, merken wir:
Bald ist es soweit.

Bald werden die Hirten geweckt.
Bald werden die Engel singen: „Fürchtet Euch nicht“.
Bald werden Könige einem Stern folgen.
Bald kommst Du in die Welt.
Bald kommst Du auch zu mir.
Alle Jahre wieder.

Amen

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Quelle: advent-online


Autor / Autorin

Quelle: Eissler Thorsten

Thorsten Eißler

Pfarrer Pressesetelle, Evangelische Landeskirche in Württemberg

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