Für ein paar Sandalen

Impuls für den 5.12.2016

Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei?
Wir wollen Getreide verkaufen.
Und wann ist der Sabbat vorbei?
Wir wollen den Kornspeicher öffnen,
das Maß kleiner und den Preis größer machen
und die Gewichte fälschen.
Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen,
für ein paar Sandalen die Armen.
Sogar den Abfall des Getreides
machen wir zu Geld.
Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen:
Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.
Amos 8, 5-7
 
Quelle:"Mariesol Fumy" / www.jugendfotos.de
 
Nein, er hat kein Blatt vor den Mund genommen. Der Prophet Amos, nach eigenen Worten einfacher Schafzüchter und Maulbeerbaumritzer. Einer, der nicht mit polierten Phrasen daherkommt, sondern seine Empörung über das Unrecht und die Prahlerei der Reichen lauthals herausschreit. Sein Entsetzen über die gefräßige Gier derer, die die Armen für ein paar Sandalen verscherbeln, seine Wut über die, die es kaum erwarten können, dass nach dem Sabbat die Geldmaschine wieder angeworfen wird, seine Bestürzung über das System Mammon, dem nichts, aber auch gar nichts heilig ist – das alles ist nach fast 3000 Jahren immer noch offen zu spüren.

Das Amos-Buch hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil: es wirkt wie ein Protokoll unserer Zeit. Und mit Blick auf die stets wachsende Kluft zwischen Arm und Reich darf man sich nüchtern fragen, ob das Rad der Geschichte einem Schicksalsrad gleicht, das immer wieder zum gleichen Punkt kommt.

Man mag sich vorstellen, mit welchen Worten Amos heute die Besitzer von Panama-Papieren, die Untätigkeit der Politik in Sachen Steuergerechtigkeit, die Gleichgültigkeit in Sachen Klima anprangern würde. Und man mag sich seine Wut vorstellen, wenn er Pegida-Anhänger und AfD-Propagandisten erleben würde, die auch noch auf die einprügeln, die für ein paar lumpige Sandalen verkauft worden sind. Ob er es heute in die Kolumnen der Medien schaffen würde? Ob es ihm gelingen würde, die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ zu durchbrechen, wie es Papst Franziskus gefordert hat?
Wie auch immer: Wer Amos gelesen hat, der kann nicht gleichgültig bleiben. Und bei aller Kritik wird er von der Hoffnung leben, dass Gott eine gerechte Welt will. Ohne Wenn und Aber.
 
Autor / Autorin
Dr. Rolf Siedler

Betriebsseelsorger in Aalen, Diözese Rottenburg-Stuttgart

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