Spiegel und Krippe

Gedanken zum Tag, 15.12.2025

Advent, eine Zeit der Vorbereitung, eine Zeit sich die Frage zu stellen: Wenn ich vor der Krippe stehe, wie weit bin ich von der Botschaft entfernt. 

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!
Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden,
und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt,
wird euch zugeteilt werden.
Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders,
aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?
Wie kannst du zu deinem Bruder sagen:
Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!
– und dabei steckt in deinem Auge ein Balken?
Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge,
dann kannst du versuchen,
den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.
Matthäus 7, 1-5
 
 
 
 

Der Splitter im Auge des Bruders – kein Problem. Unübersehbar. Aber der Balken in meinem eigenen Auge, dafür brauche ich ein Hilfsmittel. Mein Gesicht sehe ich erst, wenn ich in den Spiegel schaue, wenn ich eine Pause einlege, um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung ist.

Für das äußere Erscheinungsbild nehmen wir diesen Aufwand gerne auf uns. Wenn’s um unsere innere Verfassung geht, wird die Herausforderung schon größer. Wo finden wir einen Spiegel, der sie uns wagen lässt? Klara von Assisi (+ 1253) schreibt an Agnes von Prag (+1282): „Unser Spiegel ist das himmlische Jerusalem, der Grund dieses Spiegels aber die Armut des Kindes, das in der Krippe liegt und in Windeln gehüllt ist.“

Vermutlich ahnen wir, was uns erwartet, wenn wir den Blick in den Spiegel wagen: der Balken im Auge wird kaum zu übersehen sein. Wie aber lebe ich mit dieser Einsicht? Wie kann ich mich aushalten – so wie ich bin?

Das Kind in der Krippe ist der Gott, der vor nichts zurückschreckt, vor einem Splitter nicht und auch nicht vor einem Balken, nicht einmal davor, selbst ein Mensch zu werden. Das Kind in der Krippe macht mir Mut, mir ins Gesicht zu sehen. Wenn’s ihm nicht vor mir graut, kann ich mich den Realitäten meines Daseins stellen und brauche die Unvollkommenheiten des anderen nicht mehr, um die meinen zu ertragen, zu entschuldigen, zu übersehen. Ich kann mich auf das Eigentliche und Wesentliche konzentrieren: seine Liebe zu empfangen, um mir selbst vergeben zu können und neu zu beginnen, von seiner Liebe zu lernen, um auch dem anderen barmherzig zu begegnen. Richtet nicht! Ihr habt’s nicht nötig.

 

Dr. Uwe Scharfenecker
Diözese Rottenburg-Stuttgart
Beitrag aus dem Jahr 2016