Barmherzigkeit und Güte

Gedanken zum Tag, 21.12.2025

Vor Jesus stehen, das ist eine Chance des Richtungswechsel. Was tun wir, wenn wir vor der Krippe stehen? 

Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn:
Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!
Der andere aber wies ihn zurecht und sagte:
Nicht einmal du fürchtest Gott?
Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen.
Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten;
dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Dann sagte er: Jesus, denk an mich,
wenn du in dein Reich kommst.
Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir:
Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Lukas 23, 39-42

 

Können wir uns Menschen vorstellen, die selbst mit dem eigenen Tod unmittelbar vor Augen so bösartig, provokant und aggressiv bleiben wie dieser erste Verbrecher am Kreuz? Das erschüttert mich, auch wenn ich vielleicht ahne, dass nach einem verbrecherischen, gewaltsamen Leben die Grundspur nicht einfach gewechselt werden kann. Auch mit dem Tod vor Augen wird man nicht unbedingt ein anderer.

Dem zweiten Verbrecher scheint jedoch dieser Spurwechsel zu gelingen. Er ist einer, der seinem Leben noch in den letzten Stunden eine Wende gibt.

Er tritt für Jesus ein und bezeugt dessen Unschuld. Mehr noch: Er sieht in Jesus nicht einen Gescheiterten, sondern erkennt ihn als einen, der Macht hat und ein Reich. In diesem Reich scheinen andere Regeln als gemeinhin zu gelten. Jesus hatte von diesem Reich in seinen Gleichnissen und Geschichten erzählt. So wird der Lohn beispielsweise für alle gleich sein, auch wenn sie erst in der letzten Stunde dazugekommen sind. Die Maßstäbe für seine Gerechtigkeit übersteigen unsere menschlichen Maßstäbe. Nicht Leistung und Verdienst stehen im Vordergrund. Das Handeln des Herrschers wird von Barmherzigkeit und Güte bestimmt. Was zählt, ist der Wille zur Umkehr und zum Richtungswechsel.

Einer der beiden, die neben Jesus gekreuzigt werden, hat diese Chance zur Umkehr ergriffen. Das Paradies wird ihm dafür verheißen: in Gottes bergender Nähe sein, ewiges Leben gewinnen. Diese Verheißung gilt auch für uns und sie beginnt schon „heute“ und mitten in unserem Leben, wenn wir uns für Gottes Liebeswerben öffnen.

 

Elisabeth Auer
Erzdiözese Freiburg
Beitrag aus dem Jahr 2015