Ein Psalm.
Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.
Der HERR lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.
Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!
Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!
Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich
vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.
Psalm 98
Die Psalmverse bringen Harfen, Trompeten und Posaunen zur Sprache – und sofort flutet der jubelnde Eingangschor aus Bachs Weihnachtsoratorium meine Erinnerung: „Jauchzet! Frohlocket!“
Doch der Psalm holt noch weiter aus: da braust das Meer, da klatschen die Flüsse und jubeln die Berge - die Schöpfung wird zum Orchester! Und ich bin mittendrin. Tief in mir drin spüre ich das Jauchzen, Singen, Rühmen, Loben, Brausen, Klatschen …
Der Psalm regt alle meine Sinne an; eine feierliche Stimmung breitet sich in mir aus.
Und so dauert es eine ganze Weile bis es durch meinen Klangrauschs in mein Bewusstsein dringt:
Hier findet kein Konzert statt - hier geht es um die Richtertätigkeit Gottes. Gott richtet! Und zwar den ganzen Erdkreis, alle Nationen.
Meine Hochstimmung verfliegt. Klänge aus Benjamins Brittens „War Requiem“ legen sich über meine Bach-Erinnerung. Und Bilder holen mich ein: Kriegsschauplätze, zerstörte Landschaften, Gefolterte, Gequälte, Getötete, Verfolgte. Zu richten und zurecht zu bringen gibt es hier mehr, als ich aufzählen kann.
Ach, dass doch tatsächlich ein Wunder geschähe, wie es der Psalm in Aussicht stellt.
Dass die Welt heilte.
Dass Gerechtigkeit siegte.
Das alle Welt in Frieden mit Israel lebte.
Dass wir neue Lieder sängen zum Lob Gottes.
Ich habe im Konjunktiv formuliert. Aber vielleicht fange ich einfach schon mal an mit dem Singen! Vielleicht stimme ich trotz allem Leid die festlichen Adventslieder an. Lieder von der Ankunft Jesu.
Weil Jesus genau dazu in die Welt kommt: um Gottes Gerechtigkeit, Gottes Erbarmen mit seinem Leben zu füllen, ja zu erfüllen.
Ich singe! Und mit jedem Takt und Ton bereite ich Christus den Weg. Mitten in die Welt hinein. Bis die ganze Schöpfung klingt …
Ein Beitrag von Ute Niethammer, Pfarrerin der Evangelischen Landeskirche in Baden, für Advent-Online, dem ökumenischen Adventsangebot der evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg.
