Kind sein dürfen

Advent-Online vom 5. Dezember 2024

Denn die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. 
Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen,
sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet,
sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen,
in dem wir rufen: Abba, Vater!
Römer 8,14-15
 
Ich bin zu früh dran und deshalb sitze ich auf dem Boden. Neben mir steht eine winzige Garderobe, vor mir stehen mehrere Tische, die mir nur knapp übers Knie gehen. Ich lehne an der Wand und bin irgendwo zwischen wach sein und schlafen. Die letzte Nacht ist mit der Beschreibung „wenig erholsam“ noch untertrieben beschrieben. Ich bin müde. Und eben zu früh dran. Inzwischen ist es Mittag, ich bin heute dran, unsere Tochter abzuholen, aber gerade macht sie noch ihren Mittagsschlaf. Also warte ich. Vor der Kita auf dem Flurboden zwischen den Tischen und neben den Jäckchen an der Garderobe.
Und dann kommt sie. Die Tür geht auf und meine Tochter kommt heraus. Und sie lächelt mich an. Ich lächle zurück und breite die Arme aus, sie streckt sich, kommt mit tapsigen Schritten auf mich zu und fällt mir in die Arme. Wir halten uns lange und sind glücklich.
Sie ist ein Kleinkind und hilft mir gerade dabei, etwas zu verstehen. Bei Paulus lese ich: „Denn die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“
Kind sein heißt für mich, nicht an meinen Leistungen gemessen zu werden. Es wird nicht kontrolliert, dass ich alles geschafft habe und gut genug war. Stattdessen freut sich Gott über jeden kleinen Fortschritt, den ich mache. Mir tut das gut.
Kind sein heißt für mich, dass ich mir eingestehen kann und darf, manches nicht allein zu schaffen. Ich brauche keine Angst zu haben, dass meine Schwäche ausgenutzt wird oder ich in eine Abhängigkeit gerate. Das beruhigt mich.
Kind sein heißt für mich, begleitet zu werden auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit. Wäre Gott nur wie eine Lehrerin, dann wäre der gemeinsame Weg vorbei, wenn ich das Klassenziel geschafft hätte. Gott lädt uns aber ein, „Vater“ zu ihm zu sagen. Das gibt mir Hoffnung.
In diesem Sinne lade ich Sie ein, nach dem Beitrag das Vater unser mit mir zu beten.
 
Ein Beitrag von Jan Eisele, Pastoralreferent im Anerkennungsjahr, Referent für Jugendspiritualität, in der Erzdiözese Freiburg, für Advent-Online, dem ökumenischen Adventsangebot der evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg.