Sie gingen in das Haus
Wie viele Türen muss man im Leben durchschreiten um, wie die Sterndeuter, endlich anzukommen? Franziska Link, Fachreferentin der evangelischen Landeskirche in Württemberg erzählt uns von ihren Türen, die sie durchschreitet.
Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter;
da fielen sie nieder und huldigten ihm.
Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold,
Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
Matthäusevangelium 2,11
Welche Türen haben Sie heute schon durchschritten?
Noch recht müde von einer Nacht, die mich nicht gut hat schlafen lassen, bin ich heute Morgen zu früher Stunde durch die Schlafzimmertür gegangen. Geradezu sehnsuchtsvoll direkt durch die Küchentür, um die Kaffeemaschine anzuschalten. Mit der stärkenden Tasse Kaffee in der Hand gehe ich durch die Esszimmertüre und öffne das Fenster. Die kühle Morgenluft tut gut. Schließlich tappe ich durch die Badezimmertüre und mache mich bereit für den Tag. Es folgt die Wohnungstüre, die Haustüre, die U-Bahntüren. Die Türe zur Arbeitsstelle. Reingehen. Rausgehen. Türe auf. Türe zu. Kommen. Gehen.
Bei allem Hin und Her begleiten mich meine Gefühle und Gedanken: halte ich den Tag durch, so schlecht, wie ich heute Nacht geschlafen habe? Meistere ich die Aufgaben, die mir der Tag stellt? Welche Menschen begegnen mir hinter all den Türen, die ich öffne?
Ich weiß nicht, wie viele Türen die Weisen aus dem Morgenland auf ihrem Weg zur Krippe durchschritten haben. Auf jeden Fall gehen sie wohl nicht ohne Angst über die Türschwelle des Palastes zum gefürchteten König Herodes. Von dort ziehen sie weiter durch die Tore Jerusalems und folgen unbeirrt dem Stern. Als dieser über dem Ort steht, an dem das Kind Gottes zur Welt gekommen ist, werden sie hoch erfreut. Das ist nun die letzte Türe, durch die sie gehen müssen. Durch die Ritzen der Bretterhütte leuchtet ihnen ein warmes Licht entgegen. „Und sie gingen in das Haus“. Jetzt sind sie am Ziel. Angekommen beim Kind in der Krippe. Alles Hin und Her, Suchen und Fragen mündet hier in nicht gekanntem Frieden. Der weite Weg, all die Gefahren und Widerstände haben sich gelohnt. Hier dürfen wir sein und verweilen mit allem, was uns ausmacht: mit der Sehnsucht nach erfülltem Leben; müde und erschöpft nach einer sorgenvoll durchwachten Nacht; verletzlich im Blick auf das Ungewisse, welches das neue Jahr mit sich bringt. Hier angekommen, an der Krippe, öffnet sich vertrauensvoll unsere Herzenstüre und Gott selbst zieht darin ein. Er weiß um meine Verletzlichkeit an Leib und Seele. Seine Freundlichkeit schenkt mir Trost und Hoffnung. Diese Gewissheit im Herzen stärkt mich und lässt mich erwartungsfroh und neugierig durch das Tor des neuen Jahres gehen mit all seinen Türen, die sich darin für mich öffnen werden.
Franziska Link
Fachreferentin für Seelsorge in der
Evangelischen Landeskirche in Württemberg
