Heute ist euch in der Stadt Davids
Wie Sehnsucht für ihn zu einem starken Lebensfeuer geworden ist, beschreibt der ehemalige badische Rundfunkpfarrer Wolf-Dieter Steinmann.
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren;
er ist der Christus, der Herr.
Lukas 2,11
„Eia, wärn wir da.“ Als Kind habe ich diese kleine Zeile am Ende der 4. Strophe des alten Weihnachtsliedes „Nun singet und seid froh“ sehr gern gesungen. Ich weiß nicht mehr, ob mich dieses „Eia, wärn wir da“ zu einen bestimmten Sehnsuchtsort hingezogen hat. Aber Sehnsucht in mir geweckt hat es. Und dass Sehnsucht ein starkes Lebensfeuer ist, dazu hat diese Zeile sicher beigetragen.
Später ist mir das Kindlich-Sehnsüchtige „Eia“ eher peinlich geworden. Und heute? Heute ist mir peinlich, dass mir Sehnsucht tatsächlich einmal peinlich werden konnte. Denn, kann man in dieser irrlichternden Welt leben ohne Sehnsucht? Ohne ihren Trost, ohne ihre Kraft, die im Leben hält und lebendig macht?
„Eia, wärn wir doch schon da.“ Angekommen – oder zumindest auf gutem Weg – hin zu einer guten Erde, für die Jesus geboren ist. Wie Lukas das ausdrückt: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“
Bethlehem ist diese „Davids-Stadt“. Liegt heute in der Westbank. Konfliktort und Sehnsuchtswort. Ach, wären wir doch schon dahin unterwegs, dass Menschen einander leben ließen, in Frieden.
Ich finde es kein bisschen peinlich, dass immer wieder die Sehnsucht nach Frieden in mir aufflammt. Für die Stadt und das Land, in dem Jesus geboren wurde. Wenn dort Friede möglich wird, das wäre doch ein Friedenszeichen für alle Welt.
„Eia wärn wir da!“ Nur wie?
Bald nach dem Massaker der Hamas hat Zeruya Shalev, die große israelische Gegenwartsautorin, einen Text dazu geschrieben. Zum Ende hin betet sie.
Ob sie für möglich halten kann, was sie gebetet hat? Ihr Zweifel und ihre Verzweiflung sind spürbar.
Aber jedwede Sehnsucht aufgeben?
Dann wäre kein Trost mehr.
Zeruya Shalev betet, dass sie den Krieg überleben möge, und dass auf beiden Seiten möglichst wenig Unschuldige leiden müssen. Und ich stimme ein, wie ihr Text schließt: „..dass sich nach Kriegsende die einzige mögliche Teilung abzeichnet, keine zwischen Arabern und Juden, sondern zwischen Moderaten und Extremisten. Hoffentlich gelingt ein Zusammenschluss all derer, die das Leben wählen…“
Wolf-Dieter Steinmann, Pfarrer i.R. und Autor bei "Kirche im SWR"
Evangelische Landeskirche in Baden
