Lernorte des Lebens - Mein Wärmemoment

Freu dich, du Unfruchtbare, die nie gebar, du, die nie in Wehen lag, brich in Jubel aus und jauchze! Denn die Einsame hat jetzt viel mehr Söhne als die Vermählte, spricht der Herr. Mach den Raum deines Zeltes weit, spann deine Zelttücher aus, ohne zu sparen. Mach die Stricke lang und die Pflöcke fest! Denn nach rechts und links breitest du dich aus. Deine Nachkommen werden Völker beerben und verödete Städte besiedeln. Fürchte dich nicht, du wirst nicht beschämt; schäme dich nicht, du wirst nicht enttäuscht. Denn die Schande in deiner Jugend wirst du vergessen, an die Schmach deiner Witwenschaft wirst du nicht mehr denken. Denn dein Schöpfer ist dein Gemahl, „Herr der Heere“ ist sein Name. Der Heilige Israels ist dein Erlöser, „Gott der ganzen Erde“ wird er genannt. Ja, der Herr hat dich gerufen als verlassene, bekümmerte Frau. Kann man denn die Frau verstoßen, die man in der Jugend geliebt hat?, spricht dein Gott. Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in aufwallendem Zorn; aber mit ewiger Huld habe ich Erbarmen mit dir, spricht dein Erlöser, der Herr. Wie in den Tagen Noachs soll es für mich sein: So wie ich damals schwor, dass die Flut Noachs die Erde nie mehr überschwemmen wird, so schwöre ich jetzt, dir nie mehr zu zürnen und dich nie mehr zu schelten. Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen - meine Huld wird nie von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der Herr,
der Erbarmen hat mit dir.“
Jesaja 54, 1-10
 
 
Der Text des heutigen Tages hat bei mir voll eingeschlagen und mir wunderbare Erinnerungen an einen Wärmeort beschert, den es so leider nicht mehr gibt, der mich aber existenziell geprägt hat: Meine Schule!
Dazu eine kleine Vorgeschichte: Ich selbst bin Hauptschüler und habe erst nach einer Ausbildung und Berufstätigkeit mein Abitur nachgeholt – nachholen können und dürfen. Der Wärmeort, von dem ich erzähle war eine Schule, die mir die Möglichkeit gab, meine Ausbildung neu zu starten: Das war das Seminar St. Pirmin, das bis 2016 an die Heimschule Lender in Sasbach angegliedert war.
 
Dort war über Jahrzehnte ein Ort, an dem Männer und später auch Frauen, die nicht die vermeintlich klassischen Bildungswege hatten, ihr Abitur nachholen konnten. Das war keine heile Welt, das war in manchen Bezügen kein Ort, an den ich gerne zurückdenke; aber es war ein Ort an dem ich Menschen und Erfahrungen erleben durfte, die diesen Ort für mich und für viele andere zu einem Wärmeort gemacht haben.
 
Mein heutiger Wärmeort ist also ein Bildungsort, ein Ort an dem Menschen befähigt werden, den Raum ihres Zeltes zu weiten. Ein Begegnungsraum in dem Menschen erfahren konnten, dass „die Schande in deiner Jugend“ vergessen wurde, an dem Menschen die Möglichkeit bekamen, über eine fast vergessene Form der ganzheitlichen Bildung von Schulwissen, Sprachen, Religiosität und Sozialverhalten, ihr Leben noch einmal neu zu verorten. St. Pirmin, wie ich es erlebte, war ein Ort des Neuanfangs.
 
Meine Wunschwärmeorte sind für diese Adventszeit somit jene Orte und Menschen des Neuanfangs, die es auch heute gibt. Es sind Orte und Menschen die Bildung nicht mit Schulwissen gleichsetzten. Schulen, Bildungswerken und Akademien in unseren Kirchen, jenen Menschen, die andere Menschen fördern und begleiten, sind meine Hoffnungsorte und meine Hoffnungsmenschen heute. Sie fördern einen täglichen Neuanfang in dem sie, in Anlehnung an Jesaja, den Menschen Zelttücher schenken, mit denen sie nicht sparen müssen. Sie helfen Stricke zu binden und Pflöcke zu schlagen für ein Leben voller neuer Wärmeorte. Bildungsstätten können damit adventliche Orte der Wärme und Hoffnung sein, an denen Menschen erfahren, dass Gottes „Huld nie von dir weichen“ wird.  
   
 
Björn Siller, Referent für die Klinik- und Kurseelsorge im Erzbistum Freiburg