Warten weitet den Blick

Nach meinem Umzug Ende August an eine neue Stelle stand schließlich noch die Ummeldung meines Autos auf meiner ToDo-Liste. Ein Online-Termin bei der Kfz-Zulassungsstelle wäre schnell gebucht gewesen, aber ich wollte mir an diesem Tag bei einem anderen Termin die Zeit lassen für ein langes Gespräch und so blieb mir nichts anderes, als ganz regulär eine Nummer zu ziehen. Das bedeutete 45 Minuten zu warten, um in 5 Minuten die Ummeldung zu erledigen.
 
Eine echt ärgerlich lange Wartezeit. Was tut man in solch einer erzwungenen Wartezeit? Ich habe ein paar Nachrichten beantwortet und still ein wenig den Rosenkranz gebetet und dabei plötzlich meine Umgebung wahrgenommen. Und irgendwie wurde aus einer Wartezeit eine Zeit, die meinen Blick weitete. Da saßen und standen um mich herum,– natürlich mit Abstand und Mundschutz – Menschen, die mit mir warteten und das waren absolut nicht die Leute, mit denen ich sonst in meinem priesterlichen Alltag zu tun habe: Viele Migranten, aber auch Menschen, deren Lebenskonzepte zumindest auf den ersten Blick eher wenig mit der kirchlichen Welt zu tun zu haben schienen.  
 
Wer in solchen Warteräumen seinen Blick vom Handy hebt und ihn weitet merkt: Hier wartet eine Gruppe zusammen. Es gibt kleine „Wir“-Erfahrungen. Wir haben dort zusammen gewartet, aber mir ist dabei auch neu klar geworden: Es gibt auch jemand der auf uns alle hier wartet! Denn wie es im Buch des Propheten Jesaja heißt: „Darum wartet der HERR darauf, euch gnädig zu sein, darum erhebt er such, um sich eurer zu erbarmen.“ (30,18)
 
Das Warten auf meinen Termin hat neu meinen Blick dafür geweitet. Dieses Warten hat mir neu die Sehnsucht Gottes in Erinnerung gerufen: Diese Sehnsucht, allen Menschen – ausnahmslos – seine Gnade, seine Liebe zu schenken.
 
Das geschieht nicht einfach so, es braucht Wartesituationen. Es braucht Menschen, die warten, und Menschen, die davon erzählen, was zu erwarten sein wird. So einer möchte ich sein, als Christ, als Priester nicht nur, aber ganz besonders in dieser Adventszeit.
 
Nach dieser Wartesituation habe ich nochmal mehr das Verlangen, „unter Menschen“ zu kommen: In eine Kneipe, entspannt auf der Straße, wo auch immer, um gerade mit denen ins Gespräch zu kommen, die nicht den Weg in eine Kirche finden. Denn dort auf der KFZ-Zulassungstelle wurde mir neu bewusst: Es gibt nicht nur das Warten auf den Herrn, es gibt auch das Warten Gottes auf uns Menschen.
 
  

Georg Henn

Kaplan in der Seelsorgeeinheit an Wolf und Kinzig,
Erzbistum Freiburg
 
Bei Fragen zu den Impulsen wenden Sie sich bitte an: info@advent-online.de
 
  

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