Erwartet sein

Als junge Erwachsene habe ich mal bei einem Wetttrampen mitgemacht. Es ging darum ohne Geld am schnellsten von einer Stadt in der Bodenseeregion zum Camp auf der schwäbischen Alb zu kommen. In Zweierteams sind wir gestartet. 
 
Ich erinnere mich nicht mehr an die einzelnen Leute, die uns mitgenommen haben. Sehr genau jedoch steht mir noch der Moment vor Augen, als es dunkel wurde. Wir waren immer noch in der Bodenseeregion. Auf einer wenig befahrenen Landstraße. Keine Chance, an diesem Tag noch im Camp anzukommen.
Also übernachten. Ohne Geld. Mit Hunger. Auf gut Glück laufen wir die Straße lang. Wir singen Lieder. Gegen die Unsicherheit.
Als wir endlich eine Siedlung erreichen, trauen wir uns nicht, an den stattlichen Häusern zu klingeln.
 
Vor einem einfachen großen Haus spielen ein paar junge Leute mit sehr dunkler Hautfarbe Basketball. Einer spricht uns auf Englisch an.
Wir erzählen, dass wir was zum Übernachten suchen, aber kein Geld haben. Sofort umringen die jungen Leute uns und stellen uns Fragen. Wie wir heißen, warum wir unterwegs sind, ob wir eine Familie haben, zur Schule gehen, usw.
Und wir finden heraus: Die jungen Männer sind Flüchtlinge aus Somalia. Und dieses Haus der Kommune ist eine behelfsmäßige Unterkunft.
 
„Are you hungry?“, fragt einer endlich.
In ihrer Gemeinschaftsküche besprechen sie sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Dann öffnen sie Schränke, Tüten, Verstecke und legen auf den Tisch: Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln, Käse, Butter und Toast. Und dann kochen sie. Und reden und lachen und singen. Und wir singen mit. Das gemeinsame Essen fühlt sich an wie ein Fest. Für alle.
Danach zeigt uns einer der Männer ein Bett – wir können darin übernachten. Er selbst schläft auf dem Boden. Als wir aufwachen, bekommen wir ein Frühstück aus den Resten des Abends.
 
Gestärkt und glücklich sind wir aufgebrochen und haben irgendwann unser Ziel erreicht.
Wir waren die letzten. Aber die Glücklichsten. Schließlich haben wir eine Bibelstelle am eigenen Leib erlebt:
 
(Tobias 2, Vers 2): „Mir wurde der Tisch gerichtet und verschiedene Speisen wurden mir aufgetragen. Da sagte ich zu meinem Sohn Tobias: Kind, geh, und wenn du unter unseren nach Ninive verschleppten Brüdern einen Armen findest, der mit ganzem Herzen des Herrn gedenkt, dann führe ihn hierher und er soll gemeinsam mit mir speisen. Siehe, ich werde auf dich warten, mein Kind, bis du kommst“ 
 
Fragt sich nur, wer hier welche Rolle hatte …
 
  

Ute Niethammer

Pfarrerin, Evangelische Landeskirche in Baden
Pfarrerin, Evangelische Landeskirche in Baden
 
Bei Fragen zu den Impulsen wenden Sie sich bitte an: info@advent-online.de
 
  

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