Gnadenlos perfekt

Impuls für den 12.12.2019

Nach der Sintflut schließt Gott mit der Menschheit einen neuen Bund:

Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe.
So lange die Erde besteht, / sollen nicht aufhören / Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, / Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Genesis 8,21b-22

Quelle: unsplash.com/@itsalexjackman

„Dieses Bild ist gnadenlos perfekt!“ Ich kann nur staunen, was die Kunstpädagogin da ganz unerwartet über das überdimensionale Bild voller saftiger Pfirsiche bemerkt, vor dem ich an diesem Nachmittag im Museum stehe. „Würden Sie da nicht gerne reinbeißen?“ Eigentlich dachte ich das tatsächlich gerade, aber jetzt komme ich ins Grübeln. Auf den zweiten Blick merke ich, was nicht stimmt: kein Würmchen, keine Delle, keine braunen Flecken oder irgendein Zeichen von ‚normalem‘ Obst. Das Ganze wirkt ‚virtuell‘. Es fehlt die ‚andere Seite‘, das Gegenstück des Perfekten, das Alltägliche.

Hat Gott auch einen zweiten Blick auf seine Schöpfung und ihre Bewohner werfen müssen, um nichts „gnadenlos Perfektes“ zu erwarten? Hat er in seiner Gnade dadurch die andere Seite der Schöpfung, die andere Seite des Menschen erst möglich gemacht? Erst dadurch, dass es Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter und eben auch Tag und Nacht gibt, wird es doch lebendig auf unserer Erde. Natürlich wäre es toll, wenn wir manches Dunkle um uns herum, in unserem Leben oder in uns selbst nicht ertragen müssten und immer alles „gnadenlos schön“ wäre. Aber das wäre dann auch eher etwas fürs Museum.

Auch an Weihnachten wird es nicht perfekt zugehen, es wird die anderen Seiten geben – und das ist gut so. Schon damals war der Stall für den Sohn Gottes wohl nicht gerade die erste Wahl. Aber ehrlich: Wer braucht schon ein gnadenlos perfektes Christkind?

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Quelle: advent-online


Autor / Autorin
Volker Schwab

Gemeindereferent, Erzdiözese Freiburg

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