Am Sabbat lehrte Jesus in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten:
Woher hat er das alles?
Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist!
Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!
Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon?
Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?
Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
Markus 6,2-4

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Dieses Sprichwort ist weit verbreitet und ich meine, es hat auch heute noch seine Gültigkeit.
Da sitze ich vor dem Bankberater, der als kleiner Junge im Nebenhaus wohnte und mir auf dem Weg zur Bushaltestelle immer die Zunge rausgestreckt hat. Ob er wirklich so viel Ahnung von Geldgeschäften hat?
Oder letztens beim Internisten, der Sohn eines Schulkameraden, und er teilt mir mit, dass ich mich mehr bewegen und auch in stressigen Zeiten mich abwechslungsreicher ernähren soll. Ob der sich wirklich so gut auskennt?
Propheten sind in der Regel und in der Bibel keine sympathischen Menschen, die einen im bisherigen Lebenslauf bestätigen nach dem Motto „Weiter so!“. Meist wollen sie aufrütteln, wollen aus dem bisher Gewohnten herausreißen, auffordern, das Leben zu überdenken und zu verändern. Propheten zielen darauf ab, mein Leben besser zu machen. Was aber, wenn mir mein Leben so gefällt? Wenn ich mich ganz gut eingerichtet habe?
Als Jesus in seine Heimatstadt kommt, da wollen seine ehemaligen Nachbarn seine Botschaft nicht hören. Sie verstehen nicht, dass da einer mit Vollmacht zu ihnen spricht und ihr Leben verändern kann. Sie reduzieren ihn auf das, was sie von ihm kennen: der Junge von Nebenan, der Sohn eines Handwerkers, der Bruder der Nachbarn, jedenfalls nichts Besseres als sie selbst.
Wenn wir jemanden gut zu kennen glauben, dann trauen wir ihm nicht mehr zu, dass er auch ein ganz anderer sein kann. Dann legen wir ihn fest und berauben uns damit selbst der Möglichkeiten, mithilfe seiner Botschaft auch unser Leben noch besser zu machen.

