Lukas 18.10-14a

Laut grollend und polternd, rauschend und tosend stürzen die Wassermassen in die Tiefe. Ich bewundere die enorme Höhe des Wasserfalls, die atemberaubende Kraft, die dahinter steckt, staune über all die Felsbrocken und Steine, die das Wasser im Laufe der Zeit mit sich gerissen hat, und spüre den Wind, der durch das herabstürzende Wasser entsteht. Nach einiger Zeit des Wanderns entlang des Wasserfalls stellt sich jedoch noch ein weiteres Gefühl bei mir ein: Dieses Gewässer ist unendlich laut! Es wird aufdringlich, und ich sehne mich nach Ruhe. Diese finde ich ein paar Stunden später am Gebirgssee, der still und glitzernd vor einer Almhütte zum Ausruhen und Verweilen einlädt. Bei weitem nicht so abenteuerlich und imposant wie der Wasserfall, aber nicht minder eindrücklich.
Heute stehen mir diese beiden Gewässer wieder deutlich vor Augen, wenn ich an den Pharisäer und den Zöllner aus dem Lukasevangelium denke. Der eine, obwohl er leise spricht, laut polternd vor guten Werken, mit rauschender religiöser Praxis und einer atemberaubend selbstgerechten Art. Sein mitreißendes Gebet wirkt arrogant, aufdringlich und unruhig.
Der andere, demütig, macht keine Wellen. Er lädt geradewegs dazu ein, ruhig zu werden, in sich hineinzuhören, sich seiner wahren Größe zu vergewissern und letztlich den Weg zum Gerechtsein zu finden.
Der Wasserfall und der Gebirgssee gehen jeweils unterschiedlich mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Wasser um. Die unterschiedlichen Haltungen des Pharisäers und des Zöllners fragen mich an, wie ich selbst mit „meinem Wasser“, der mir geschenkten Gnade Gottes, umgehe und welchen Weg ich wählen will.

