weil in der Herberge kein Platz war
In der Heimatstadt ist nichts mehr wie früher. Heimweh kommt auf. Wie es sich löst, davon erzählt Monika Lehmann-Etzelmüller, Leiterin des Predigerseminars Petersstift der evangelischen Landeskirche in Baden.
Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
Lukasevangelium 2, 7
Es war eine Ewigkeit her, dass er in seiner Heimatstadt gewesen war. Er läuft über den Marktplatz auf seine alte Schule zu. Der Platz ist vertraut und gleichzeitig fremd. Dort drüben war der Laden gewesen, in dem seine Mutter ihre Wolle kaufte. Daneben das Schuhgeschäft, in dem er als Kind zweimal im Jahr neue Schuhe bekommen hat. Jetzt ist die Geschäftszeile beinahe leer. Ein Döner an der Ecke wehrt sich tapfer gegen die Verödung. An der Bushaltestelle vor der Schule spielen Kinder Fangen. Die größeren schauen in ihre Handys. Er sucht nach den vertrauten Gesichtern seiner Schulkameraden. Dabei weiß er, wie dumm es ist. Trotzdem studiert er jedes Gesicht.
Es ist nichts mehr da von der Stadt, die ihm früher eine Heimat war. Er hat das vorher gewusst. Dass es so weh tut, hat er nicht gewusst. Dass er Heimweh haben würde nach etwas, das nicht mehr da war und doch brennt wie ein Phantomschmerz.
Er hat sie heute Morgen vor dem Friedhof getroffen. Ein bekanntes Gesicht in all dem fremd gewordenen, das ihn abweist. Alt ist sie geworden. Sie haben sich ein paar Augenblicke ratlos angeschaut. Dann beleuchtet ein Erkennen ihr Gesicht. Was machst du denn hier? Ja, ewig ist das her. Wie lange bleibst du? Ein paar Minuten lang warfen sie sich die Fragen hin und her. Er war schon am Weitergehen, da hat sie ihn eingeladen. Für den Abend. Jetzt biegt er in die Straße ein. Früher ist er diesen Weg täglich gegangen, von der Schule nach Hause. Oft mit Oli, der eine Straße weiter wohnte. Sein Elternhaus kommt in den Blick. Schnell geht er vorbei. Daneben wohnt sie. Als Kind war er oft im Nachbarhaus. Als der Summer erklingt und er die Tür aufdrückt, kommt ihm ein vertrauter Duft entgegen. Werkstatt und Meister Proper. Sie strahlt. Sie freut sich wirklich. Das erste Mal heute lösen sich seine verkrampften Schultern. In der Wohnung riecht es würzig nach Suppe. Kerzen brennen. Auf dem Tisch stehen Wein und Brot.
Monika Lehmann-Etzelmüller,
Leitung des Predigerseminars Petersstift der evangelischen Landeskirche in Baden
