Liebe, die Leben schafft - Mein Wärmemoment

In jenen Tagen tat Stéphanus aber, voll Gnade und Kraft,
Wunder und große Zeichen unter dem Volk.
Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertíner und Kyrenäer
und Alexandríner und Leute aus Kilíkien und der Provinz Asien
erhoben sich, um mit Stéphanus zu streiten;
aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach,
nicht widerstehen.
Als sie seine Rede hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste
über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn.
Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor,
sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen
und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen
und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.
Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu,
stürmten einmütig auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus
und steinigten ihn.
Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder,
der Saulus hieß.
So steinigten sie Stéphanus; er aber betete
und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!
Dann sank er in die Knie und schrie laut:
Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!
Nach diesen Worten starb er.
Apg 6, 8–10; 7, 54–60
 
 
„We refuse to be enemies “ – so steht es handgeschrieben auf einem großen Stein. Er liegt links neben einer steinigen Einfahrt in einer Einöde von Bergen und Tälern mitten im alten Palästina. Zu Deutsch: „Wir weigern uns Feinde zu sein.“
 
Wer das schrieb, ist eine christliche Familie rund um den Vater Dawoud, die auf palästinensischem Boden lebt. Deren kleiner, jahrhundertealter Landbesitz liegt eine Handbreit neben der Grenze zwischen dem heutigen Israel und dem heutigen palästinensischen Gebieten. Nahe Ramallah. Dort, auf ihrem Gelände, in ihren Olivenbaumhainen, tobt der Konflikt der Landnahme Israels, dort finden sie statt: die Brandschatzungen, die Angriffe durch Freischärler.
Und genau dort lebt diese christliche palästinensische Familie, die es sagt: „We regret to be enemies“. Sie sucht Feindesliebe und Vergebung, zwischen der Asche der Anschläge und einer von den Feinden zugeschütteten Zufahrt. Wer zu ihnen will, muss über Felsen klettern. Feind ist dort kein abstraktes Wort. Datum ist Feindesliebe ist dort kein leeres Wort. Es ist ein erlittenes Wort, im Namen Jesu Christi.
 
Die Familie von Dawoud hat ein Begegungszentrum errichtet auf ihrem so umkämpften, von israelischer Seite so begehrten Gelände, wo Siedlung der Besatzer immer näher rückt, mehr als eine Handbreit von ihrem Land, schon das Land einnehmend. Deren Häuser ragen auf über den kargen Bäumen, die die Häuser umgeben. Das Zentrum hat den Namen „Tent of Nations“ bekommen – „Zelt der Nationen“. Es ist eine internationale Begegnungsstätte von Menschen christlicher, muslimischer, und jüdischen Glaubens geworden. Dort versuchen alle bei ihren Gastaufenthalten zu leben, was um das Zentrum herum puren Terror bedeutet. Begegnung. Der Terror der Feinde hieß für die Familie auch schon: Rückzug in die uralte Höhle dort auf dem Gelände, weil es außen zu gefährlich war.
 
Der Satz auf dem Stein gibt mir auch heute noch Kraft und Mut, ein paar Jahre nach dem Besuch dort. Manchmal fällt er mir ein, wenn ich Nachrichten sehe von den schier unlösbaren und endlosen Konflikten in Nahost auf israelisch-palästinensischen Boden. Sie kommen mir in den Sinn, wenn ich auf meine eigenen Konflikten blicke.
Diese Barmherzigkeit und dieser Versöhnungswille erfüllt mein Herz. Manchmal lässt er mich schamesrot werden, und mein Herz brennt, weil ich es nicht schaffe, was Dawoud, seine Familie und seine Gäste schaffen.
 
Ich blättere immer wieder zurück zu diesem Foto jener Reise.
Heute, am 26. Dezember kommt mir das alles wieder in den Sinn, wie eine Zusammenfassung der weihnachtlichen Botschaft: mitten in der dunklen kalten Welt sind da Herzen, die wirklich noch schlagen. Denn sie haben, tief in sich, die Liebe und die Wärme erhalten. Trotz allem. Weil sie Jesus Christus nachfolgen und für seine Botschaft einstehen.
Heute ist Stephanustag, der Tag des biblischen Märtyrers. Der Stephanustag erinnert in seinen Gottesdiensten an die vielen und immer mehr werdenden verfolgten Christen weltweit. Die Geschichte des Heiligen Stephanus erzählt sachlich und fast unerträglich die Apostelgeschichte 6 und 7, seine Predigten, seine Festsetzung, bis hin zur Steinigung. Und er, der den Tod vor Augen sieht, schreit noch ganz zuletzt, wohl mit letzter Kraft: “Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“
Bei solchen Worten wird mir kalt, und dann wird mir heiß. Diese Liebe bedeutet Leben mitten im Tod. Wer so liebt, erhellt die Dunkelheit. Wer so liebt, verwandelt Kälte in Wärme. Diese Worte erklingen heute am zweiten Weihnachtsfeiertag in allen Gottesdiensten und sie haben Kraft für alle Zeiten.
 
Pamela Barke, Pfarrerin in der Pressestelle in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg