Wie stellt ihr euch Gott vor

1 Steh auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht / und die Herrlichkeit des HERRN geht strahlend auf über dir.
2 Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde / und Dunkel die Völker, doch über dir geht strahlend der HERR auf, / seine Herrlichkeit erscheint über dir.
3 Nationen wandern zu deinem Licht / und Könige zu deinem strahlenden Glanz.
(Jesaja 60, 1-3)

Vor ein paar Jahren fragte ich in der zweiten Klasse im Religionsunterricht die Kinder: „Wie stellt ihr euch Gott vor? Wer ist Gott für euch?“. Ein Mädchen, dass erst vor kurzem nach Deutschland gekommen war und wohl auch traumatische Erfahrungen in sich trug, antwortete: „Wenn es dunkel ist, wenn es wirklich ganz, ganz dunkel ist, dann ist da immer noch Licht in mir.“
Die Umstände in die Jesaja sein Wort hineinspricht sind auch eher dunkel. Das Volk ist auf der
Rückkehr aus der Gefangenschaft. Der Weg ist mühsam, die Rückkehr selbst noch nicht das ersehnte Heil. Den gedemütigten Israeliten ruft der Prophet ein Lichtwort zu: „Steht auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht!“
 
Aufstehen! Licht werden, das heißt für mich das Innere sortieren, Belastendes bearbeiten und sortieren, sich ausrichten, Veränderungsschritte wagen, sich dem Licht entgegenstrecken. All dies ist einfacher geschrieben und gesagt als getan. Nicht nur in der dunklen Jahreszeit. Sondern eben auch so manches Mal mit Blick auf das Dunkel in uns, auf das was lähmt, am Leben hindert. Und auch mit Blick auf Gott, der sooft weit, ja sehr weit weg zu sein scheint. Aber genau das ist ja Advent: Aufbruch, Licht werden, sich Weihnachten entgegenstrecken, dem kommenden Licht, das alle Perspektiven verändert.
 
Dieses Licht-werden erfordert Geduld – mit sich selbst, mit anderen Menschen und auch mit Gott – es erfordert warten-können. Geduld oder warten-können ist aber auch ganz adventlich.
 
Wenn ich heute als Klinikseelsorger mit Patientinnen und Patienten einen Weg gehe und sich so manche Dunkelheit auf das Leben gelegt hat oder zu legen scheint, wenn so manches im Leben vielleicht auch verstrickt ist oder gar zerbrochen, dann versuche ich immer so zu unterstützen, dass die Menschen einen Zugang zum Licht in sich selbst finden. Auch dazu braucht es Geduld. Aber ich bin fest davon überzeugt: Das Licht ist da. Es kann durch nichts zerstört werden. Und auch der innere Kern des Menschen ist heil und hell.
 
„Wenn es dunkel ist, wenn es wirklich ganz, ganz dunkel ist, dann ist da immer noch Licht in mir.“  Weihnachten entscheidet sich im Herzen. Vielleicht deshalb: „Steh auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht / und die Herrlichkeit des HERRN geht strahlend auf über dir.“
 
Den Beitrag anhören:

Christian Mario Hess

Kath. Klinikseelsorger Universitätsklinikum Heidelberg