Und wenn ich prophetisch reden könnte /
und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; /
wenn ich alle Glaubenskraft besäße /
und Berge damit versetzen könnte, /
hätte aber die Liebe nicht, /
wäre ich nichts.
1. Brief an die Korinther 13,2

Eine junge Frau kommt von einem Gebetstreffen zurück. Sie setzt sich in den Zug und erzählt dem unbekannten Mitfahrer ganz begeistert, was sie mit Gott erlebt hat.
Der Mitfahrer bin ich selbst. Zuerst gefällt mir das Gespräch. Nach und nach kippt mein Gefühl.
Ich habe den Eindruck, sie sieht in mir jemanden, dem etwas fehlt. Jemanden, der Jesus noch kennenlernen muss. Ich lasse das Gespräch laufen. Warte auf den Moment, ihr zu sagen, dass ich selbst gerne Christ bin. Der Moment kommt nicht. Für das „prophetische Reden“ der jungen Frau bin ich selbst als Person unwichtig.
Der Korintherbrief bringt diese Erfahrung auf den Punkt: Wer prophetisch redet, braucht Liebe. Sonst wird das nichts mit der Gottesbotschaft. Prophetinnen und Propheten ohne Liebe – das führt zu nix.
Prophetinnen und Propheten sind demnach Menschen, die etwas von Gott verstanden haben und dies auch „rüberbringen“ können. Doch selbst wenn sie mit „Geheimnissen“ und „Erkenntnissen“ sowie mit „Glaubenskraft“ gesegnet sind: Ohne die Liebe läuft das ins Leere.
„Liebe“ ist für mich: Den konkreten Menschen vor mir verstehen wollen. Ihn sehen, wahrnehmen – dazu muss ich Menschen mögen, Menschen lieben. Wenn ich so liebe, kommt etwas Absichtsloses ins Spiel: Es geht nicht darum, Menschen mit der bloßen Absicht wahrzunehmen, sie für meine „Prophetie“ zu gewinnen. Ich glaube sogar, dass ein Öffnen für den Anderen bedeutet, dass wir uns einander zu Prophetinnen und Propheten werden.
Glaube ich daran, ein Prophet zu sein? Und will ich mein Gegenüber verstehen?

