Ein Mächtiger deckt den andern,
hinter beiden stehen noch Mächtigere.
Kohelet 5, 7

Nein, wundern tu' ich mich schon lange nicht mehr! Im Gegenteil: Ich bin an Nachrichten gewöhnt, die genau davon berichten: wie Arbeiter im Kongo unter gefährlichsten Bedingungen zu Dumping-Löhnen Coltan für unsere Handys abbauen; wie Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Gruppe schikaniert, vertrieben, getötet werden; wie Unternehmer, die Millionenbeträge illegal versickern lassen, Mittel und Wege finden, ihr Tun zu kaschieren oder die Strafen zu mildern. Nein, ich wundere mich schon lange nicht mehr.
Dass ich dennoch nicht resigniere, hat allerdings einen Grund, über den sich manch andere wundern mögen: Die Geburt eines Kindes. Die Ankunft Gottes in unserer Welt in einem wehrlosen, auf Hilfe angewiesenen Kind. Jesu Geburt.
Diese „ohnmächtige“ Ankunft Gottes bei uns Menschen hilft mir, diese Welt neu zu verstehen, denn Gott-im-Kind ist so ziemlich das Gegenteil von „Amigo-Seilschaften“. Wenn Gott auf dieser von Mächtigen gequälten Welt als Kind ankommt, dann stellt das unsere übliche Sichtweise in Frage. Mich ermutigt die Adventszeit, meine Blickrichtung zu verändern: weg vom Verzweifeln über die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Hin auf die kleinen Dinge, die vielleicht schwach scheinen, aber viel Potenzial haben, wenn ich sie ernst nehme, zulasse, fördere. So wie Gott selbst ja „wirksam“ wird, wenn ich die kleinen, manchmal kaum wahrnehmbaren Impulse göttlicher Geistkraft in meinem Leben ernst nehme, zulasse, fördere. Genau da beginnt Gottes Macht! Wie weit sie sich entfalten kann, erfahren wir, wenn wir das Wunder der Ankunft Gottes in dem Kind Jesus ernst nehmen, zulassen, fördern – und uns vielleicht sogar ein wenig darüber wundern.

