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Geschwister

Impuls für den 16.12.2018

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!
 
Quelle: Quelle: unsplash.com/@scottrodgerson
 
War das kalt in dieser Nacht! Aneinandergekauert und von unserem Dorfschullehrer Franz Xaver Gruber auf der Gitarre begleitet, versuchten wir das erste Mal, dieses unbekannte Lied zu singen. Ein Wiegenlied für das Jesuskind in der Krippe. Ein Trostlied für alle, die ihre Kinder in den letzten Jahren im Sarg liegen sahen.

Gesungener Trost in trostlosen Zeiten: Die napoleonischen Kriege haben ganze Landstriche entvölkert und uns Armut gebracht, das „Jahr ohne Sommer“ zwei Jahre zuvor brachte schließlich über alle Lande noch Kälte und Ernteausfälle. Wer die Kriege irgendwie überlebt hatte, wurde von Kälte und Mangel in die Knie gezwungen, (er)fror und (ver)hungerte.

Nun saßen wir hier, Heiligabend 1818. Im Halbdunkel. Sangen.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!

Hier versagte meine Stimme. Zuerst, weil ich nicht singen wollte, dann, weil ich nicht konnte – ich war überwältigt:
Gott wird aus Liebe Kind – und das Kind macht uns zu seinen „Brüdern“. Wunderbar: Uns!

Aber die Völker der Welt? Etwa auch die anderen? Die, die uns im Krieg fast alles genommen haben?

Auch meinen Feind? In Jesus mein Bruder!? Diese Strophe reißt Wunden auf.
Mein Feind. Aber der doch auch jeden Sonntag in die Messe geht. Der für den Sieg gebetet hat, ebenso wie ich. Und wer hat letztlich gesiegt? Wir? Die? Der Tod? Was, wenn unsere Söhne genauso schuldig wurden wie deren? Was, wenn unser Feind uns genauso redlich hassen könnte wie wir ihn?
Ob wohl in ein paar Jahren die Menschen auf der anderen Seite der Salzach auch dieses Lied singen würden? Ob sie mich singend als ihren Bruder, als Kind Gottes sehen könnten? Mann, das ist starker Tobak!

In dieser Weihnachtsnacht 1818 wusste ich noch nicht, dass 200 Jahre später Menschen dieses Lied immer noch singen.

Ob sie diese Strophe wohl immer noch Weihnacht für Weihnacht singen werden? Ob die Menschen dann keine Zäune mehr bauen, Zölle verhängen, Länder überfallen, sondern füreinander Brüder und Schwestern sein werden, die füreinander einstehen?

Ein Vater anno 1818, aufgezeichnet von Oliver Weidermann.
Autor / Autorin
Quelle: Weidermann Oliver
Oliver Weidermann

Internet-Redaktion, Evangelische Landeskirche in Baden

Bei Fragen zu den Impulsen wenden Sie sich bitte an: info[at]advent-online[dot]de