Vorlesezeit
Gedanken zum Tag, 23.12.2025
Man reichte Jesus das Buch des Propheten Jesaja.
Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt:
Der Geist des Herrn ruht auf mir;
denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich.
Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.
Da begann er, ihnen darzulegen:
Heute hat sich das Schriftwort,
das ihr eben gehört habt, erfüllt.
Adventszeit ist Vorlesezeit. Auch wenn sonst kaum Zeit dafür ist, im Advent kriegen Kinder vorgelesen. Haben Sie schon einmal beobachtet, was mit Kindern beim Vorlesen geschieht? Sie lassen sich in die Geschichte hineinziehen, die sie hören. Sie schlüpfen in die Rollen der verschiedenen Figuren. Sie erleben mit, wie es denen geht. Sie überlegen, ob es nicht doch einen Ausweg gäbe. Sie empfinden deren Trauer und die Freude, wenn es dann doch gut ausgeht. Beim Vorlesen machen sie Erfahrungen. Und aus diesen Erfahrungen lernen sie für die Realität. Mit den Helden und Heldinnen ihrer Geschichten lernen sie gewissermaßen für ihr richtiges Leben.
Erwachsenen geht es nicht anders. Vielleicht ist die Sehnsucht gewachsen, dass es auch im richtigen Leben so zugehen könnte wie in der Geschichte, die ich gehört habe. Vielleicht habe ich eine Perspektive gesehen, wie das ausgehen könnte, was mir jetzt so viel Kummer macht. Vielleicht habe ich einen Weg kennengelernt, den ich auch beschreiten könnte.
Ich glaube, genau das ist passiert, als Jesus in der Synagoge vorgelesen hat. Die Zuhörer haben gehört, wie die Welt nach Gottes Willen sein soll, ja, wie sie sein könnte. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass Gott sich nicht abfindet mit dem Leid und mit dem Elend. Keiner kann jetzt mehr sagen: So ist die Welt nun einmal. Da kann man nichts machen. Die aus dem Synagogengottesdienst nach Hause gehen, sind jetzt andere geworden. Sie haben erfahren, dass man sich nicht abfinden muss. Nicht mit dem Leid und nicht mit der Dunkelheit. Deshalb müssen sie sich nicht länger abfinden mit dem, was ist.
Ich hoffe für die kommenden Weihnachtstage, dass auch ich solche Worte höre, vielleicht auch selber lese oder mit anderen singen kann: Worte, mit denen ich Erfahrungen machen kann. Und dann gestärkt zurückkehren in mein eigenes Leben.
Lucie Panzer
Evangelische Landeskirche in Württemberg
Beitrag aus dem Jahr 2011
